Zu meiner ersten Hospitanz bin ich vielleicht nicht zufällig gekommen, aber ich habe mich auch nicht aktiv darum bemüht. Während des Zivildienstes traf ich einen
Stationsarzt, der im Nebenjob Geschäftsführer in einem Hamburger Privattheater war und mir anbot, als Aushilfe dort anzufangen.
Der Zivi-Job im Krankenhaus war nicht besonders anspruchsvoll aber ich hatte Spaß an der Arbeit an sich gefunden. Nicht am Transport von pflegebedürftigen Senioren im
Speziellen, aber ganz allgemein, im Kontrast zu meiner überwiegend theoretischen Vorbereitung auf das „wahre“ Leben in der Schule, die ich mit jedem Tag unnötiger und realitätsferner fand. Ich hatte so ein diffuses Mogli-Gefühl, eine Ahnung, das irgendwo dort draußen mein Rudel, mein Stamm an Menschen auf mich warten würde.
Und ich hatte Recht.
Ab der ersten Minute im Theater wusste ich, dass ich zu lange ein richtiges Leben geschwänzt hatte. Glücklich übernahm ich Schicht für Schicht und lernte in Windeseile den gesamten Apparat kennen. Die Techniker, vor allem Licht und Ton,
die Bühnenarbeiter, den Kette rauchenden Produktionsleiter René, die immer schon alte Frau Pegelow von
der Garderobe, die selbst so aussah, als sei sie vor langer Zeit in der Garderobe
vergessen worden und meine jungen Kolleginnen am Tresen im Theatercafé. Zwei Stunden vor Vorstellungsbeginn begannen wir, das Foyer für die Zuschauer herzurichten, Brötchen zu schmieren, die Getränke aufzufüllen, Schilder zu malen und Leergut zu entsorgen. Selten standen wir rum, es gab immer etwas zu tun, man
war eigentlich ständig unterwegs, immer gab es etwas rauszugeben, abzukassieren, abzuräumen, abzuwischen, aufzufüllen, einzusortieren oder abzuliefern.
Lediglich am Anfang und ganz am Ende der Schicht, wenn längst alle Gäste gegangen waren, setzten wir uns auf ein privates Getränk zusammen. Vor der Schicht nur wir Vorderhaus-Leute, nach der Vorstellung setzten wir uns oft auf ein paar letzte Drinks zu den Gauklern, wie sich einige der älteren, männlichen Schauspieler gern nannten. Mir klang das zu sehr nach Mittelaltermarkt, genau nach der Form von amateurhaftem Kostümgebaren-die bloße Erweiterung von Karneval- und das sollte das Spiel für mich auf gar keinen Fall sein.
Unterhaltend ja, aber tief empfunden-durchdrungen und wahrhaftig. Ein diffuses Durcheinander an Definitionen von Wünschen und Wirklichkeit.
Was mich an den ausgelassenen Runden nach der Vorstellung am meisten erfreute und gleichzeitig überraschte, war, mit welcher Energie die Schauspieler zu uns ins
Foyer kamen. Überhaupt nicht erschöpft, sondern voller Kraft und Schlagfertigkeit. So hatte ich erwachsene Menschen noch nie von der Arbeit kommen sehen.
Ich kannte das nur von ein, zwei Schulaufführungen, nach denen ich hinterher aufgekratzt durch die Schule gelaufen war. Nicht anders ging es offensichtlich den professionellen Spielern. Sie waren alle viel lustiger und schlauer als auf der Bühne
in den mittelprächtigen Boulevardstücken, was den späten Runden eine ganz besondere Exklusivität verlieh. Die Atmosphäre war gleichsam Energie geladen und
so gelöst, wie auf einer Almhütte nach dem Skifahren. Und was mich wahrscheinlich am meisten einnahm: völlig unverklemmt. Und das obwohl die Inszenierungen alle
eher ein wenig prüde und altbacken daherkamen. Als gälte es, das Versäumte im Anschluss nachzuholen. Das passte hervorragend zu meinem eigenem Lebensgefühl- es wurde unabhängig vom Wochentag anlassfrei gefeiert bis in die Morgenstunden. Nicht jedes Mal aber so regelmäßig, dass sich sowohl Trinkgemeinschaften als auch Liebschaften einstellten.
Nicht wie ich gedacht hatte, strikt unter den Schauspieler/innen, sondern querbeet. Das Vorderhaus war das beliebteste Jagdrevier und ich war dort der einzige Mann, auch wenn die Schauspielerinnen weit zurückhaltender flirteten als Ihre männlichen Kollegen.
Eines Tages schlurfte ein junger Mann meines Alters ins Foyer. Ich hatte ihn schon häufiger gesehen, fand ihn aber in seiner Spex-Leser Spießigkeit zu pseudo, aufgesetzt intellektuell oder eben nicht pseudo, zu langsam oder einfach zu verkopft. Auf jeden Fall zu irgendwas.
Er kam direkt auf mich zu und fragte mich relativ unverblümt, ob ich nicht bei ihm hospitieren wolle. Er sei Regieassistent, heiße Patrick und in zwei Wochen ginge es los.
Ich musste nicht lange überlegen, denn allein das Wort Hospitieren adelte meine ratlose Berufsexistenz, es klang so antiquiert akademisch, fast medizinisch und die
Möglichkeit meinen neuen Lieblingsmenschen auch tagsüber bei der Probe so nah sein zu dürfen, stürzte mich sofort in Verzücken und hielt meine Aufregung konstant
bis zum Probenbeginn.
Die Proben waren für mich eine Offenbarung. Vor allem deshalb, weil ich so gut wie nichts zu tun hatte, jedenfalls nichts Verantwortungsvolles. Kekse oder Brötchen kaufen, aufschließen, Kaffee kochen, Requisitenlisten führen und ansonsten:
Dasitzen und zugucken. Zuschauen, wie es gemacht wird. Der geöffneten Büchse der Pandora bei der freien Entfaltung zusehen und versuchen zu verstehen, wie es funktioniert. An welcher Stelle das Zwerchfell zuckt, bei welchem Augenaufschlag
man sich wie ein Gentleman fühlt und welches Wehklagen einem ins Herz trifft, nur um Sekunden später die gleiche Person wieder völlig normal scherzend am Kaffeebuffet stehen zu sehen. Die Unerklärlichkeit, warum einige Textseiten nur so dahin plätscherten, während sich andere zogen wie Kaugummi, dass natürlich streng verboten war. Genauso wie Pfeifen auf der Bühne. Irgendwann war die Souffleuse krank und ich durfte für sie einspringen. Das schwere Textbuch auf einem
Notenständer vor mir, in der ersten Reihe. Also in der allerersten Reihe. Dichter ging es nicht mehr, es sei denn, man spielte mit. Vor lauter Faszination für die Hauptdarstellerin, vergaß ich den Text reinzugeben und meine Karriere als Souffleur endete unter Johlen und Feixen am selben Abend mit den Spielern, die mich bereits
bereitwillig in ihren erfahrenen Kreis aufgenommen hatten. Schleichend hatte ich eine Initiation erfahren. Ich war nicht nur angefixt, sondern schon abhängig und musste die Dosis schnell erhöhen. Am Ende der Produktion war mir vollkommen klar:
Ich werde auch Schauspieler!

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