Ich treffe mich mit meinem Freund Volker auf dem Rathausmarkt. Es ist noch eine Stunde Zeit und der Platz ist so gut wie leer. Zwei professionelle Bühnen mit entsprechender Soundanlage sind aufgebaut. Da wird mit vielen gerechnet. Wir sind offenbar zu früh. Es ist unangenehm kalt. Das April Wetter passt zum Thema: immer wenn man(n) denkt, das Schlimmste sei doch längst vorbei- schneeregnet einem die Gewissheit des Gegenteils ins Gesicht. Wir suchen Hilfe im Starbucks- da gehen wir sonst nie hin. Vor uns ein Vater in unserem Alter mit seiner Tochter- meine Tochter ist auch da, bzw sie wird pünktlich erscheinen, so wie die Mehrheit der 25.000 Teilnehmer: innen.
Der Vater verzweifelt bei der Bestellung. Er möchte irgendein special Deal mit Pistazien, aber ausgerechnet als er dran ist, verschwindet die Werbung dafür vom Monitor. Seine Tochter wendet sich ab- hier hat die Scham noch nicht die Seiten gewechselt, denn ihm ist es mindestens genauso so unangenehm. Er bewegt sich auf fremden Terrain. Kennt die Namen, die Codes und die Regeln nicht. Steht dumm da. Volker traut sich schon keine Kaffeebestellung zu und zeigt stumm auf einen Keks und ich nehme einen Filterkaffee.
Draußen füllt sich langsam der Platz und wir stellen uns eher an den Rand. Nach kurzer Zeit sind wir umringt von Frauen jeglichen Alters- keine schaut aggressiv oder herablassend aber hier wechselt gerade etwas die Seiten- die Macht. Die Kontrolle auf jeden Fall. Dieses Gefühl steigert sich mit der Wut der Sprecherinnen und erfährt einen Höhepunkt mit dem Auftritt der Performance Gruppe HandsmadeRiot. Sie bitten alle Frauen sich hinzusetzen. Übrig bleiben die Männer. Es ist ein schmerzhafter Moment. Wir sind auf einmal in der Minderheit-gleichzeitig bewusst, dass wir es sind, von denen Gewalt und Ungleichheit ausgehen. Ich fühle mich schlagartig 12 Jahre alt. Damals war ich ein kleines Arschloch auf der Suche nach Anerkennung mit Hilfe toxischer Männlichkeit, um nicht selbst verletzt zu werden.
Eines Tages lockten mich die Mädchen meiner Klasse zu einem Treffpunkt und führten eine Choreografie auf, die deutlich machte dass mein Verhalten von nun an nicht mehr toleriert werden würde. Ich schaue Volker in die Augen und erkenne ein ähnliches Gefühl. Nietzsches Spruch mit der Peitsche ist auch 2026 noch gültig. Wir Männer müssen uns und uns gegenseitig kontrollieren. Und hoffentlich wird es irgendwann weniger Erinnerung daran geben müssen.
Und dann ist sie da. Die Scham. Sie kommt unter tosendem Applaus auf die Bühne. Gesichert durch Polizei, Security und eine schusssichere Weste.
Colleen Fernandes nimmt für wenige Augenblicke die gesamte Scham aller Anwesenden auf sich und zerbricht fast daran. Das Publikum versucht sie ihr wieder wegzunehmen und ruft, wie stark sie sei. Es ist eine Gleichzeitigkeit von Wollen und Wirklichkeit.
Die Scham wechselt die Seiten.
Immer wieder in die falsche Richtung.

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