Jürgen Gosch II

Es hat schon in der Nacht angefangen zu regnen. Ich kann mich gar nicht mehr erinnern, wann ich das letzte Mal so nass geworden bin. Auf dem Fahrrad. Während der Vorlesung trocknet meine Hose an meinem Bein fest. Langsam. Eben spricht der Dozent noch von verwandten Schutzrechten, da sehe ich mir zu, wie ich auf die Worte in meinem Telefon starre.

Gosch ist tot.

Überrascht bin ich komischerweise nicht von der Tatsache, sondern das die Nachricht nicht aus dem Theater kommt, sondern von meinem Freund Jan, der mit
Theater nichts zu tun hat. Auf dem Weg nach Hause, werde ich noch einmal genau so nass.
Ich muss mich vergewissern. Möchte die Nachricht materialisiert haben. Mit tropfender Kleidung sitze ich vor dem Bildschirm und befrage den Computer nach Einzelheiten, die er mir nicht liefern kann. Wer war wohl bei ihm. Seine Kinder? Kollegen? Seine Frau vermutlich. Oder ganz allein, so wie Moni Bleibtreu, die erst letzte Woche beerdigt worden ist?
Dariusch schreibt, jetzt seien wir allein. Ich überlege sehr kurz, aber ich kann das nicht finden. Wir waren schon vorher allein. Allein ist man immer. Ja, aber er hat uns
schon lange allein gelassen. Zurückgelassen. Verlassen. Entlassen. Gelassen. So.
Und nun seid ihr dran.
Das hätte er nie gesagt.
Aber er hat uns ja zu Lebzeiten schon reichlich vererbt. Eine Perspektive. Ein Blickwinkel. Eine Sensibilität. Etwas, das ihn schon zu Lebzeiten unsterblich gemacht hat. Ich bin regelrecht erleichtert darüber, dass ein Hoffen auf eine persönliche Reaktion, eine Zuwendung nun endgültig obsolet geworden ist. So gesehen, kann ich auch ihn jetzt gut gehen lassen.

Als ich von Alexander erfuhr, wie schwer krank er ist, da war ich geschockt. Aufgewühlt. Weil ich ihn nicht sterben lassen wollte ohne ihm meine Zuneigung mitgeteilt zu haben. Schon beim Schreiben war mir klar, dass er auch darauf nicht
reagieren konnte. Trotzdem. Der Gedanke es nicht gesagt zu haben war schlimmer. Also schrieb ich ihm einen unleserlichen Brief.

„Sehr geehrter Herr Gosch,
heute habe ich mich mit Alexander Simon in Hamburg in einem neu eröffneten jüdischen Café im Generalsviertel getroffen. Gleich gegenüber der Talmud Tora Schule.
Wie so oft, sprachen wir dabei auch über Sie. Nun.
Noch im Gespräch merkte ich, dass ich Ihnen gern schreiben würde und es gleichzeitig nur Dämliches zu sagen gibt. Als wir einmal mit der S-Bahn vom „schrecklichen“ Ottensen in Richtung Schauspielhaus fuhren, sagten Sie, in Hamburg gäbe es so viel mehr tröstende Orte, als in Berlin. Das war nur so dahin geplappert. Wie so vieles. Aber es hat mich sehr berührt, und den Blick auf das Flüchtige geschärft. Lust gemacht auf die Beobachtung. Trost finden im Vergänglichen. Das führt dazu, dass ich oft an Sie denken muss. Letzte Woche ist mir in der Universität etwas passiert:
Zu einer Vorlesung des Strafrechts, im alten Kuppelhörsaal im Hauptgebäude der Universität in der Edmund-Siemers-Allee, hatten sich ca. zweihundert Studenten
versammelt. Alles wartete jugendlich vor sich hin. Als der Professor an das Pult kam senkte sich das allgemeine Gebrabbel nur unmerklich. Nach kurzer Durchsicht seiner Unterlagen teilte er dem Auditorium mit, er habe blöderweise seine Unterlagen vertauscht und sei deshalb
gezwungen uns weitere zehn Minuten warten zu lassen und verließ den Saal daraufhin. Die
Gespräche wurden schlagartig lauter. Nach kurzer Zeit des Lärmens, erhob sich fast unbemerkt aus der zweiten Reihe ein schmächtiger blonder junger Mann in nachlässiger Kleidung und begab sich zielstrebig zu einem verdeckten Flügel, welcher ebenfalls auf der Rednerbühne stand. Sehr behände nahm er sich den Hocker, stellte ihn in Position, deckte den Flügel etwa zur Hälfte ab und begann nach kurzer Pause zu spielen. Nachdem ein letzter Clown unter den Zuhörern gemerkt
hatte, dass sein Talent nicht ausreichte, um gegen den Spieler anzustinken, stellte sich eine Art dankbarer Fassungslosigkeit ein, welche man so oft bei der
Beobachtung von Kindern verspürt. Nach zehn Minuten beendete der junge Mann
seinen Vortrag mit einer kurzen Pause, um dann eben so zielstrebig, den Applaus ignorierend auf seinen Sitzplatz zurückzukehren. Der Applaus ebbte genauso schnell ab wie er aufbrandete, der Dozent betrat die Bühne und begann ohne zu zögern die Vorlesung.


Lieber Herr Gosch, ich neige mich zu Ihnen und sage: Danke.
Voller Hochachtung
sebastian“


Das Schweigen darauf ist mir nicht neu. Ich hätte mich daran gewöhnen können. Aber meine Eitelkeit lässt sich nicht mit Vernunft überlisten. Immer noch sehne ich mich nach einer Aufmunterung, so wie damals, als er mit seinen beiden jüngsten
Kindern aus meiner Inszenierung vom Doppelten Lottchen in die Kantine kam. „Höh“.
Ganz laut. Lachend. „Hier, der hat´s gemacht. Ne, wirklich Sebastian, alles richtig gemacht“. Und schon ist der Moment wieder vorbei und er wird von Eberth, dem dämlichen Dramaturgen, in Beschlag genommen. Für die persönliche Ansprache war nie Zeit. Sollte auch keine sein. Das Reden darüber hat ihn nicht interessiert. Nur so lange es für die Aufführung verwertbar war. Und um so mehr sehnten sich alle danach. Damit bin ich nicht allein. Bei mir ist es allerdings so weit, dass es mich bis in meine Träume verfolgt hat. Es hat dieser tiefen Zuneigung nie etwas anhaben können. Er hatte sich schon zu fest in mein Herz gewachsen. Dabei habe ich unter ihm gelitten. Er war ebenso
ein Fluch, wie Segen. Er hat mich bei Proben verfolgt. Wie ein Geist schwebte er im Probenraum über mir. Dank meiner Angewohnheit den Sprachgestus von Menschen zu
übernehmen, die mir nahegekommen, sprach er auch aus mir. Das war manchmal schön, weil es mir Sicherheit gegeben hat, andererseits grauenhaft, wenn
es zu offensichtlich wurde und dahinter das eigene Unvermögen emporschien. Dabei ist mir sein nachdenklicher Gestus bei der Beurteilung anderer so in Fleisch und Blut übergegangen, dass er mir einfach passiert ohne ihn bewusst zu zitieren.

Im Theater bleibt er mein Maß. Das hat er geschafft.
Eine Sucht nach wahrhaftigem Spiel, das etwas Kosten muss. Nicht weniger als das Leben selbst. Weniger ist nichts. Gar nichts. Dann muss Theater eben nicht sein.
Das Meiste muss nicht sein.


Schweigen. Sitzen. In der U-Bahn. Auf der Probebühne in einer Rauchpause. Nach dem Essen. Auf dem Weg ins Theater. Ihn beobachten. Eben noch haben wir so schallend mit ihm gelacht. Waren so ausgelassen. Uns so einig in der Lächerlichkeit.
Der eigenen und die der anderen. Und nun, beobachte ich ihn. Allein. Für mich. Ich bewundere ihn, wie nur ein Sohn einen Vater bewundern kann. Mit dem schreienden Verlangen ihm Genüge zu tun. Zu genügen. Ihm zu genügen. Ihn Stolz zu machen.

Ich sehe ihn an, aber er sieht in die Ferne.
Immer.

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