Selten hat man am Theater die Gelegenheit, Freundschaften unter Regisseuren zu entdecken. Meist handelt es sich um Rivalität, mal verdeckt, meist eher offen zur
Schau gestellt. Von Sebi hatte ich also bereits durch Armin erfahren. Die Sprüche, die er für ihn übrighatte, unterschieden sich jedoch deutlich von den Kommentaren zu unseren schwächlichen Existenzen. Ein Zynismus, der als aufrichtige
Bewunderung daherkam und selbst von den Schauspielkollegen nicht immer eindeutig zu identifizieren war. Zwischen den beiden jungen Regisseuren hatte sich eine Art Hase und Igel Wettrennen entwickelt, wer zuerst an welcher deutschen Theaterbühne inszeniert hatte. Armin war in diesem Spiel eindeutig der Igel, wobei er zunächst oft nur in kleineren Spielstätten inszenieren durfte und wenn Sebi dann nachzog, durfte er sogleich die große Bühne bespielen, was Armin maßlos geärgert
haben muss.
Zu Unrecht, wie ich schnell herausfand, denn Sebi hatte durchaus Probleme seinen Stil auf der großen Bühne zu entwickeln.
Ob man will oder nicht, ohne Vorbilder kommt man als Regisseur/in nicht aus, und sei es um sich von diesen zu distanzieren. Eine Regie ohne Vorbilder, ist wie ein Kind ohne Eltern. Geschichtslos. Unbeschrieben, und wenn, dann zu undeutlich, um
eine sogenannte Handschrift herauszulesen. Diese zu erkennen bedeutet gleichsam Erhebung in den Stand des Regisseurs und Auftrag, jenes Konglomerat aus eindeutig erkennbaren oder erwünschten Einflüssen zu konservieren und gleichzeitig die Mixtur zu verfeinern. Wie gierige Trüffelschweine
werden vor allem Dramaturgen und Intendanten nicht müde, nach neuen Talenten zu suchen, die es wagen mit Ihrer Handschrift, die immer gleichen Geschichten zu schreiben. Hauptsächlich, weil sie sich selbst langweilen, weil sie aufgrund ihrer
Sehgewohnheiten, schon alles zu kennen glauben. Es ist ein bisschen so, wie eine neue Lieblingsband zu entdecken, die einem vom
Musikstreamingdienst vorgeschlagen wird. Wenn ich nach Sebi suche, wird mir automatisch Castorf vorgeschlagen. Nicht ohne Grund.
Weil Castorf ihn beeindruckt, geprägt und beeinflußt hat. So ein großes Vorbild leitet und belastet gleichsam. Wie ein Jugendlicher, leidet man unter einer autoritären Last, die dazu so schmerzhaft subtil an einem hängt, dass man zunächst nicht weiß, wohin
man mit seiner pubertären Energie soll: denn eins ist klar empfunden, man will, man muss sich von dem Vorbild lösen. Kill your idols.
Besonders schwer fällt das, wenn man immer wieder von außen auf Ähnlichkeiten hingewiesen oder reduziert wird . Seien sie gerechtfertigt oder nicht. Als Sebi ans Deutsche Schauspielhaus kam, flüsterte es an jeder Ecke, ob in der Maske, am Kopierer vor der Dramaturgie oder am Tisch des Bühnenmeisters in der Kantine, von der Castorf light Variante, die „uns“ ins Haus stünde. Viel Verachtung und vorweggenommene Häme schwangen dabei mit und ohne es zu wollen wurde ich davon infiziert. Ich war sogar besonders empfänglich dafür-wollte ich doch immer noch dazugehören. Hinzu kam seine Attitüde. Eine personifizierte Bild-Text-Schere. Äußerlich und rhetorisch dem Martialischen zugewandt- schon seine erste eigene Theatertruppe hatte er nach der rechtsradikalen Vereinigung der 1980er Jahre Wehrsportgruppe
Hartmann genannt- trug er gern sportliche Kleidung in Militärfarben, was ihm intern in den Namen Nato-Hamster eintrug.

Und gleichzeitig sprach er in einem so hohen Tonfall, nach den richtigen Wörtern suchend, schüchtern, fast stotternd, dass man Angst um ihn haben konnte. Eher ein vom Krieg traumatisierter als ein zum Kampf entschlossener Söldner. Eher Beckmann als Rambo.
Diesen Zwiespalt zwischen ostentativer Sensibilität und Wunsch nach Stärke und Härte kulminierte bereits auf unheilvolle Weise bei der Leseprobe.
Sebi las, nicht unbedingt gewollt aber trotzdem komisch, einen Auszug aus seinem Tagebuch vor, den er mit der Produktion assoziierte und mit dem Ensemble teilen wollte. Bereits hier offenbarte sich sein Faible für die Collage und so montierte er kühn und wild assoziativ Zitate von Schiller mit privaten Traumbildern, Gedanken von
Nietzsche oder Zukunftsvisionen von Sloterdijk. Im Mittelpunkt stand die These,„seine“ Räuber flüchteten sich heute, als Weltraumterroristen auf den Mars. Ein fulminantes Bild, dass bei der Premiere Szenenapplaus bekam.
Während der Teil des Ensembles mit westdeutscher Herkunft einen Lachanfall nur schwer unterdrücken konnte und durch Tuscheln und Gekicher auffiel, nickten die
Beteiligten ostdeutscher Prägung wissend vor sich hin. Durchaus zustimmend.
Der Höhepunkt war erreicht, als ein Kollege genüsslich eine Banane schälte, aß und die Schale mit den Worten: Vielleicht rutscht ja ein Räuber darauf aus oder ein
Gendarme, auf den hinter ihm markierten Mars war. Zuvor hatte eben jener Schauspieler die Leseprobe immer wieder dadurch gestört, dass er weite Passagen des Franz Moors mitzitierte, weil er diese Rolle auch gerne gespielt hätte.
Nach der Banane reichte es Sebi und er rannte ein Stockwerk tiefer direkt ins Büro des Intendanten, um die Umbesetzung des Kollegen zu erwirken.
Seinem Wunsch wurde nach vielen Diskussionen entsprochen und er bekam als Wunschbesetzung einen weiteren langjährigen Gefährten erfüllt: Tommi.
Nun waren sie zu dritt und trotzdem weiterhin isoliert, denn zwischen ihnen und uns stand eine unsichtbare Mauer. Noch nie war mir eine Unterschiedlichkeit innerhalb
derselben Generation eines Landes so massiv aufgefallen wie in dieser Produktion. Obwohl ähnlich alt, fehlte es vor allem an gemeinsamer Popkultur, dachte ich damals. Heute denke ich, das es vor allem um einen ganz unterschiedlichen Wunsch
in Bezug auf das Publikum ging. Wir Westkinder waren alle darauf programmiert zu gefallen. Sebi und seine Jungs wollten vor allem provozieren, die Sehgewohnheiten
der Zuschauer um jeden Preis verstören und infragestellen. Das war ihnen weit wichtiger als Lacher, ästhetisches Gesamtkonzept, Gefühl oder Identifikation. Das Aufrütteln des Publikums nahmen sie so wörtlich, das physische Konfrontation bis zu einem gewissen Grad erwünscht und von Sebi geduldet waren. Das führte nach der Premiere im laufenden Spielbetrieb zu einer absurden Situation und zu meiner ersten Abmahnung als Regieassistent. An einer Stelle der Inszenierung zog sich Tommi als Spiegelberg aus und da er das
Publikum an diesem Abend als besonders reaktionär und schnarchig empfand, schleuderte er seine Klamotten in die erste Reihe. Sein Springerstiefel verfehlte einen
älteren Herrn nur knapp und brachte mich als Abendspielleitung zur doppelten Verzweiflung. Erstens, weil ich dieses Verhalten als asozial empfand und zweitens, weil es nicht mit mir abgesprochen, sondern wie sich später herausstellte eine
Vereinbarung zwischen Regie und Darsteller gegeben hatte, von der ich nichts wusste. Kurz vor der Pause tobte ich in der menschenleeren Kantine vor einem Freund und ließ meinem gesammelten Unverständnis über „Ossis“ und „Prolltheater“ freien Lauf. Noch in der Pause kam es zum Disput, weil ich alle „Räuber“ ins
Konversationszimmer neben die Bühne rufen ließ und dort weiter zürnte, allerdings diesmal ohne Schimpfworte zu gebrauchen. Der Angesprochene reagierte überraschend
gelassen, was mich noch mehr ärgerte. Er hatte von seinem Regisseur den
Freifahrtschein bekommen. Ich hingegen bekam eine Abmahnung vom Intendanten, weil meine Wutrede in der Kantine von einem Freund des Regisseurs mitgehört und an diesen weitergetragen worden war. Stasi bleibt Stasi, dachte ich damals und
schluckte die Korrektur mit Unverständnis und Starrsinn.
Jahre später las ich in der Zeitung von einem weiteren Zwischenfall mit Tommi und dem berühmten Kritiker der FAZ Stadelmaier. Jetzt konnte ich über den Vorfall lachen, Tommi hatte dem Kritiker den Block aus der Hand geschlagen, obwohl es sich um dieselbe Übergriffigkeit handelte. Wieder wurde jemand aus dem Publikum vom defensiv Konsumierenden zum aktiv Handelnden gezwungen, wobei der Kritiker ja als Bewertungsinstanz eine ganz besondere Zuschauerfunktion einnimmt. Scharfrichter über Gut und Böse spielt.
Wie auch immer. Die Verantwortung, die Sebi dem Publikum beimaß, ist eine Haltung der Selbstverantwortung. Jeder nimmt nicht bloß Anteil, sondern wird mit
Minute Eins der Aufführung, Teil dessen und muss sich auch unangenehme Konfrontationen, auch physischer Natur, auf dem Weg zur Erkenntnis, gefallen lassen. Somit steht er den Akteuren in nichts nach. Ganz im Gegenteil, das Abhängigkeits-verhältnis dreht sich auf diese Weise um, und die Schauspieler gewinnen an Macht und Deutungshoheit zurück. Das ist radikaler, als ich es damals verstanden habe, wo mich meine westdeutsche Erziehung daran hinderte, darin eine mögliche Arbeitsweise zu erkennen.
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