Als ich als Regiehospitant ins Theater einstieg, hatte ich mir, wie über so vieles
andere auch, darüber überhaupt keine Gedanken gemacht. Regieführen, was ist das eigentlich? Keine Ahnung. Ich war als tumber Neuling zum Staunen verdammt, zur Reflexion blieb keine Zeit.
Der erste Regisseur, den ich am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg kennenlernen durfte, war eine Urgewalt, auch wenn er ganz und gar nicht so aussah: Mitte Dreißig, aus Ostdeutschland und mit so einer radikalen Meinungsfestigkeit ausgestattet, als ginge es beim Proben um Wehrübungen für die Verteidigung der Heimat. Armin sah nicht nur aus wie ein Boxer, er trainierte die Schauspieler auch so. Indem er Ihnen immer wieder ohrenbetäubend laut Anweisungen zuschrie, und zwar so schnell, dass sie in einen permanenten Zustand der Überforderung versetzt wurden.

Kleine und mittelgroße Beleidigungen und Schmähungen miteinbauend. Zum
Beispiel auf die Langsamkeit des Schweizer Kollegen abstellend. Den Hang zur Divenhaftigkeit des anderen karikierend. Diese Umgehensweise war mir nicht fremd.
In unserer Wohnsiedlung hing ich als Kind viel mit älteren Jungs ab, und damals drehte sich die gesamte Kommunikation um Erniedrigung und Erhebung, auf Geheiß des Rudelführers.
Doch hier auf der Probebühne des Schauspielhauses klang das doch etwas anders, denn während auf dem Spielplatz lediglich eine Schicksalsgemeinschaft
zusammenkam, um Rangordnung herzustellen, schienen hier per se alle freiwillig und damit einverstanden, ja ganz im Gegenteil, jeder war noch in der Lage einen weiteren Witz auf eigene Kosten beizusteuern, um die gute Stimmung weiter anzuheizen.
Auch hier ging es um einen Wettbewerb, und zwar eindeutig ein
Schlagfertigkeitswettbewerb, aber dieser Wettbewerb diente einzig und allein der energetischen Aufladung des Liederabends an dem wir probten und ich Zeuge sein durfte. Worum es überhaupt nicht zu gehen schien, waren Figuren, Geschichten oder
Bedeutungen, so wie ich mir Theaterspielen bis dato vorgestellt hatte. Ich war überrascht wie kleinteilig, bspw. am Hinfallen, Stolpern oder dem Ausschütten einer
Urne geprobt wurde. Requisiten waren sehr wichtig und dienten dem Gelingen von Nummern, dessen einzelne Wirkung ich schnell verstand und dennoch blieb mir lange schleierhaft, wie daraus ein zusammenhängender Abend entstehen sollte. Das war mir jedoch schnell gar nicht mehr so wichtig, da ich ja mit dem Beschaffen der Requisiten mehr als beschäftigt und aufgrund der Wichtigkeit derer für die Nummern,
meine Funktion eine enorme Aufladung erfuhr, wie ich fand. Ohne mich ging es nicht. Echt nicht. Also flitzte ich durch die umliegenden 1 Euro Shops und besorgte Standfeuerzeuge in Lampenform, aufklappbare Kämme, Vogelsand und Heilerde für die Urne, Streichhölzer, die überall zu entzünden waren und machte immer wieder lange Abstecher in den Fundus der hauseigenen Requisite, deren Mitarbeiter mir ebenso wunderlich und aus der Zeit gefallen schienen, wie die Objekte, die sie verwalteten.
Armin probte parallel an einem anderen Theater an einem „richtigen“ Stück, da es sich bei uns „nur“ um eine Wiederaufnahme handelte. Der Abend war schon einmal über die Bühne gegangen, aber nie in der Absicht ein Repertoirestück zu werden.
Das gibt es relativ häufig, das Liederabende für einen speziellen Anlass, also Silvester oder Die lange Nacht der Theater geprobt werden und dem Publikum so gut gefallen, dass der Intendant das Stück in den Spielplan integriert. Oft zum Leidwesen
der Schauspieler, die an solch zusammengeschusterten Abenden wenig finden. Singende Kleiderständer für die Perlen des Kostümfundus. Die abgehalfterte Schwester des Karnevals. Lebendig gewordene Jukebox.
Hier war es anders.
In unserem Liederabend wurden die bekanntesten Lieder Jacques Brels in neuem Arragement gesungen und zwischendrin sah man drei Männern ihren gerade gestorbenen Freund Fernand (ebenfalls ein Klassiker Brels) betrauern, indem sie miteinander schweigen. Nur im Gesang konnten sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen. Niemals hätte ich der Schlichtheit dieser Grundsituation vertraut. Die Ereignislosigkeit verängstigte und fesselte mich gleichermaßen.

Wir probten also die meiste Zeit musikalisch, ohne Armin und wenn er kam, dann ging es um die Perfektionierung der einzelnen Nummern.
Kurz vor der Premiere hatten wir dann eine lange Probe mit ihm, in der er alle
Nummern miteinander verband, ohne dafür in Aufzeichnungen blättern zu müssen, ohne viel Nachzufragen und weiterhin mit unfassbarer Selbstsicherheit.
Er brüllte die Akteure von Nummer zu Nummer, währenddessen er immer noch die Zeit fand mir im Flüsterton eine verächtliche Bemerkung über das Talent von XY zukommen zu lassen. Wie macht der das nur?
Ich kam trotz Notizen kaum mit,
wusste gerade so eben, wo wir waren und hätte im Leben nicht sagen können, was X oder Y hätten besser machen können. Ich fand sie einfach toll. Was machte Armins Autorität für mich, aber vor allem für die Schauspieler aus?
Ich denke in seinem Fall war es vor allem die Schnelligkeit, mit der er Fragen voraussah, Probleme gleichzeitig beantwortete und neue Fragen aufwarf, einen flapsigen Kommentar brachte und ihm wirklich nichts zu entgehen schien.
Außerdem brachte er immer Energie mit. Ich konnte das nicht benennen, aber fühlen schon. Bevor er auftauchte war die Energie oft aufgebraucht, wie die Luft, die verstaubt an den schwarzen Molltonwänden klebte. Sobald er jedoch den Raum
betrat, öffneten sich Fenster, die der Raum gar nicht hatte und eine frische Brise verbreitete Wohlempfinden und Klarheit. Man fühlte sich augenblicklich erfrischt und
erweckt. Wie ein Morgenappell bei den Schweizer Gebirgsjägern.
Für die Zeit seiner Anwesenheit waren die drei Akteure jedenfalls von ihren Zweifeln befreit, waren die Befürchtungen, der kleine Abend könnte vorm Hamburger
Publikum scheitern, in Luft aufgelöst, denn sie waren eh nichts weiter als
„Kackbratzen, Vollpfosten und Fleischpeitschen“.
Die Premiere war auch ohne die Anwesenheit von Armin ein großer Erfolg und wir spielten den Abend noch unzählige Male, einmal sogar bei Gewitter in einer Aussegnungshalle auf dem Ohlsdorfer Friedhof nur mit Kerzen beleuchtet.
Weil der Abend so gut ankam, durften wir später in einem größeren Raum, mit mehr Budget-es gab sogar einen elektrischen Eisbären zum drauf reiten-einen weiteren
Liederabend in gleicher Besetzung proben, bei dem es um vertonte
Nietzschegedichte und ein einsames Bild von Nordamerika ging, wie es vielleicht Jim Jarmusch gezeichnet hätte. Diesmal durfte ich sogar als Mischung aus Rif-Raf und James aus Dinner for One mitspielen und unter
lautem Gestöhne, ein Harmonium auf die Bühne schuften.
Nun war ich selbst Befehlsempfänger von Armins harten Kommandos und seltsamerweise Weise fühlte ich mich gar nicht angegriffen oder vorgeführt sondern ganz besonders geschützt, obwohl er Schimpfkannonaden auf mich abfeuerte, wie auf einen
schlechten Barpianisten in einem mittelmäßigen Western. Vielleicht war es wirklich ein Stück Überlebensangst, die einen instinktiv alles Geben und für den Moment des Spielens alles andere vergessen ließ. Das Ergebnis war jedenfalls vollkommen in Ordnung. Auch hier erlebten wir wieder einen großen Publikumserfolg, aber die Aufregung blieb und zwar nicht nur bei mir und steigerte sich sogar in den laufenden
Vorstellungen. Ohne Armin waren wir Führerlos. Im Sichabgeben kann also etwas Heilsames und Befriedigendes für den Spieler stecken.
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