Und bitte. II

Bei den Proben im Privat-Theater hatte ich mich besonders mit einem Schauspieler aus Magdeburg angefreundet. Er wohnte in meinem Kiez und so verbrachten wir
bald auch die proben- und vorstellungsfreie Zeit zusammen.

Erik war wie ein wandelndes Theaterlexikon-ein Autodidakt der in der DDR nicht studieren durfte und
durch Glück am Theater gelandet war, wo er über die technischen Abteilungen irgendwann doch auf der Bühne gelandet war. Vielleicht gerade weil er nicht studieren durfte, fraß er jahrelang jegliche Literatur in sich hinein, kannte nicht nur die Deutschen Klassiker, sondern eben auch die russische und die polnische
Theaterliteratur. Er konnte fast zu jeder Gelegenheit eine Textstelle aus dem Stegreif zitieren, was mich schon immer stumm vor Bewunderung gemacht hat und gleichzeitig meinen unbändigen Ehrgeiz entfacht hat, irgendwann auf Augenhöhe
mitzuhalten. In der Familie meiner Mutter ging es immer sehr turbulent und laut zu.
Vor allem meine Mutter und Ihre beiden Brüder stritten und debattierten so laut, das
als Kind kein durchkommen war. Da musste man schon sehr originell sein, um sich Gehör zu verschaffen. Oder lustig. Ähnlich war es bei Erik. Er war ungeheuer schnell und es dauerte sehr lange, bis der Alkohol ihn verlangsamen konnte. Aber ich hatte
immer öfter Gelegenheit zum Üben, denn noch während unserer gemeinsamen Produktion, wurde nebenan bei ihm eine kleine Einzimmerwohnung frei. Das
erschien mir wir ein Zeichen des Himmels und war tatsächlich der Startschuss für meine exklusive Schauspiel-Vorschule, denn fortan verbrachten wir ganze Tage und
vor allem die langen Nächte zusammen. Hauptsächlich bei ihm. Seine Freundin ließ
uns gewähren, weil Erik in seiner Lehrerrolle aufblühte und ich so ein williger Schüler war. Wir schlossen einen Pakt: Er hatte sich in den Kopf gesetzt mich binnen eines Jahres
an einer der bedeutenden Schauspielschulen unterzubringen, genauer fit für die Aufnahmeprüfungen zu machen, denn er sah in mir ein riesiges Talent, einer der alles nachholen könne, was ihm aus verschiedenen Gründen versagt worden war.

Wir arbeiteten gemeinsam an meinem Vorsprechprogramm: Ferdinand, Rattengift und den Tom aus Die Insel von Anathol Fugard. Das war so eine Joker Rolle von Eric, die mir bei den Dozenten an den Ost Schulen Respekt verschaffen sollte. Es hat sich nur bedingt eingelöst und auch für einige Empörung gesorgt. Heute würde man es vielleicht schon kulturelle Aneignung nennen.

Er wurde jedenfalls meine Schauspiel-Schlittschuhmutti und im Gegenzug brachte ich ihm bei, alle
seine Lieblingsgerichte zu kochen. Denn das konnte er wirklich nicht. Spaghetti Bolognese, Königsberger Klopse oder Paprikahuhn.

Fressen-saufen-spielen.

Immer in unterschiedlicher Reihenfolge.

Lasst das Drama beginnen.

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