Fremd

Es könnte keinen passenderen Ort für diesen Abend geben, denn Michel Friedmanns autobiografischer Text „Fremd“ ist nichts weniger als die Erlebbarkeit von nicht selbstgewählter Isolation in mitten von Gesellschaft.

Der Weg ins St. Pauli Theater, durch Gruppen betrunkener junger Männer, durch kostümierte Junggesellinnen Abschiede, die aus pinken Stretchlimousinen steigen, Dragqueens, die Reisegruppen aus Baden Württemberg hinter sich her ziehen, Obdachlose mit freiem Oberkörper und nasser Hose, die ihre beschädigten Habseligkeiten in Einkaufswagen evakuieren und eben die vermeintliche Mitte der Gesellschaft, die zum Essen oder ins Theater geht-

Dieser Weg durch die bundesdeutsche Gesellschaft ist der Prolog des Abends, indem das Theater selbst zur Insel der Homogenität und wohlfühlbaren Menschlichkeit wird.

Bis Sibel Kekilli die leere Bühne betritt und in einer schmucklosen Sprecherkabine Platz nimmt.

Eine Kamera projiziert ihr Gesicht auf die Leinwand hinter ihr.

So pur und mit dem Versuch jegliche Kommentierung zu vermeiden, trägt sie den Text von Michel Friedmann vor. Und mit jedem Satz ja mit jedem weiteren Wort, stehen wir mehr auf dem Vorplatz des Theaters und spüren die Gewalttätigkeit der Fremdheit. Die Traurigkeit der Einsamkeit, das Nichtvertrauenkönnen- das Trauma.

Das schafft der Text vor allem durch seine assoziative Knappheit, in der kein Wort zu viel ist , keine Eitelkeit und Rechthaberei steckt- im Gegenteil . Eine radikale Intimität, als hätte uns jemand aus dem Strom der Menschenmassen vor der Tür, in eine Telefonzelle gezerrt und dann schonungslos von sich und seinem Trauma berichtet. Das ist Friedmanns großes Talent-diese radikale Nähe-man denke an die Sitzordnung seiner ersten Talkshow-zwei Sessel die zu einem verdichtet waren. Mehr ehrliche Konfrontation geht nicht.

Kekilli macht es ganz anders-ihr großes Talent ist ihre reine Seele. Ihre Provokation ist das unberührt Schöne. Das schafft Distanz und verursacht Schmerz und Hoffnung gleichermaßen.

Nach mehr als 60 Minuten geht das Licht aus und unfassbar schnell klatscht sich das Publikum zurück auf die Insel der Utopie-hier bin ich Mensch, hier darf ich sein-

da holt Kekilli schon beim ersten Vorhang Friedmann zum Applaus auf die Bühne und für die folgenden fünf Minuten sieht man die beiden, wie sie sich gegenseitig Raum geben, an die Rampe zum Einzelapplaus ver-führen, dann wieder gemeinsam, sie den Kopf vertraut auf seiner Schulter, wie sein kindliches Ich aus dem Text und man sieht das ganze Stücke nochmal mit beiden auf der Bühne, sieht ihn wie er schweigt und sie wie sie als sein Inneres Kind vor ihm steht und fragt und zurück starrt und verzweifelt.

Und wie er ganz am Ende „Nein„ schreit.

Nein, das sieht man leider nicht.

Stattdessen verlässt man langsam das Theater, die Insel der eingebildeten Menschlichkeit und bahnt sich den Weg nach Haus, durch die Fremdheit.

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